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Vermessung Silvaplanersee

Donnerstag, 10. Oktober 2019

Mit neuester Fächerecholot-Technologie wurden dieser Tage vier Oberengadiner Talseen vermessen. Forscher erhoffen sich Erkenntnisse zur Erdbebengeschichte.

Das Wetter war ihrer Feldarbeit wohlgesonnen: In einer Woche konnten die Forscher des Instituts für Geologie der Universität Bern die vier obersten Oberengadiner Talseen vermessen und mit ihren gespeicherten Daten zurück ins Unterland gehen, um mit der Auswer‧tung des Materials zu beginnen. Für die Echolotmessungen, die sie von einem Weidling der Gemeindepolizei aus tätigten, brauchten sie vor allem eines: eine ruhige Wasseroberfläche, möglichst wenig Wind und keinen Regen. Perfekte Bedingungen fanden die Forscher vor allem am Morgen vor. Während Institutsleiter Prof. Dr. Flavio Anselmetti anfangs noch mit von der Partie war, führten Postdoktorand Stefano Fabbri und Doktorand Valentin Nigg die Unterwasserkartierung zu Ende.

Detailliertes Bild vom Seegrund
«Wir können dank unserer Echolotmessungen ein 3-D-Modell der Seen anfertigen und sehen die Oberfläche ihres Untergrunds, als ob das Wasser abgelassen worden wäre», umschreibt Nigg das Projekt. Dank der neuesten Generation von Echoloten können am Computer hochauflösende Bilder erzeugt werden, welche diese geologische Unterwasserstruktur ziemlich detailliert zeigen: Wo steile Hänge verlaufen, wo Teile der Seebecken besonders tief oder seicht sind, wo Hangrutschungen Material abgelagert haben, wo Stufen auf seismische Aktivität hinweisen. «Man erkennt frische Ablagerungen, aber auch solche, die zusedimentiert und älteren Datums sind», ergänzt Fabbri vor dem Computerbildschirm. Die 2–D-Karte, in welche sich beliebig einzoomen lässt, kennzeichnet farbig kontrastierend die einzelnen Tiefenberei‧che. Die Farbe Blau steht für sehr tiefe Bereiche, Grün für weniger tiefe, Orange und Rot geben seichtere Bereiche an. Der Lej Suot beispielsweise ist rot eingefärbt und erklärt, warum der maximal 16 Meter tiefe See oft als einer der ersten Talseen gefriert. Auch felsige Unterwasserkreten sind aufgrund ihrer Reliefstruktur gut zu erkennen. Besonders steile Uferpartien erscheinen schwarz. «Vieles sieht man aufgrund unserer Messungen sehr genau», präzisiert Nigg, «an steilen Hängen kann sich weniger Sediment akkumulieren, an flacheren Hängen mehr.»



Relevant sind diese Messungen in Bezug auf die Erdbebenaktivität. «Wir wollen herausfinden, ob sich Seen als Archiv für vergangene Erdbeben eignen», bringt Nigg die wissenschaftliche Kernfrage auf den Punkt. Wenn man beispielsweise mehrere zeitgleiche Rutschungen am selben Ort oder gleich in mehreren der Engadiner Talseen feststelle, lasse dies auf ein grössere Energiequelle wie ein Erdbeben oder Starkniederschläge schliessen. Besonders interessant ist diesbezüglich das Delta von Isola. Dort muss ein grösserer Unterwasserhang abgerutscht sein. «Wir gehen davon aus, dass um 600 n. Chr. ein Kollaps vom Isola-Delta stattgefun‧den hat und etwa 6,5 Millionen Kubikmeter Material abgerutscht sind. Das ist so viel Material, wie in den letzten 10 000 Jahren sedimentiert wurde», sagt Nigg. Wahrscheinlich habe dieser Rutsch eine enorme Flutwelle ausgelöst, einen Tsunami, der zu Überschwemmungen führte. Auch die Bäume im tiefen Seebecken wollen die Forscher analysieren. «Wir versuchen, eine sehr spannende Naturgeschichte zu erforschen».

In erster Linie Grundlagenforschung
Während die im Engadin erhobenen Daten in erster Linie Rückschlüsse auf die vergangene geologische Geschichte des Tals erlauben sollen, haben ähnliche Untersuchungen im Vierwaldstättersee, im Lac Léman oder im Zürichsee auch einen prospektiven Charakter. «Sobald es um Bauten geht, die vom Uferbereich in den See hinausragen, sind solche Messungen sinnvoll. Wir sehen entlang von befestigten Strassenabschnitten, ob dort beispielsweise Aushubmaterial von Menschenhand in den See gekippt wurde oder ob unter Wasser ein Hang abgerutscht ist.» Somit könne es Sinn machen, bei gewissen geplanten Bauprojekten wie beispielsweise Kabel- oder Leitungsverlegungen, diese neuen Unterwasserkarten zu konsultieren. Aber aufgrund der Karten Prognosen abzugeben, sei schwierig, betont Fabbri. Dies habe man in Italien sehen können, wo in Zusammenhang mit schweren Erdbeben Wissenschaftler juristisch zur Verantwortung gezogen wurden. «Wir sammeln jetzt Daten für eine Bestandsaufnahme. Dann kommt die Analyse und die Interpretation dieser Daten. Rückschlüsse und Prognosen zu erstellen, ist ein heikles Thema».

Text: Marie-Caire Jur, Redaktion Engadiner Post